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Was ist Tölt? So funktioniert die Gangart der Islandpferde und so förderst du sie
Von Óra nordic equine · · 8 Min. Lesezeit
Tölt ist eine Gangart im Viertakt ohne Schwebephase: Die Beine fußen in derselben Reihenfolge wie im Schritt auf, und mindestens ein Huf hat immer Bodenkontakt. Der Rumpf schwingt dabei kaum, deshalb sitzt du ruhig. Fördern lässt sich der Tölt mit Losgelassenheit, ausbalanciertem Sitz und kurzen Strecken im passenden Tempo, nicht mit Kraft oder Zusatzgewichten.
Tölt ist der Grund, warum viele Reiterinnen beim Islandpferd bleiben. Das Pferd trägt dich zügig voran, und du sitzt dabei so ruhig, dass du dich unterhalten kannst. Wie diese Gangart funktioniert, warum Islandpferde sie überhaupt gehen können und wie du sie förderst, ohne dein Pferd zu überfordern, steht hier.
Einen Überblick über alle Gangarten und die Rasse insgesamt findest du in unserer Grundlagenseite zum Islandpferd.
Was ist Tölt für eine Gangart?
Tölt ist eine symmetrische Viertakt-Gangart ohne Schwebephase, die Islandpferde zusätzlich zu Schritt, Trab und Galopp gehen. Jeder Huf setzt einzeln auf, und es hat immer mindestens ein Bein Bodenkontakt, oft auch zwei. Im korrekten Tölt gibt es keine Schwebephase. Tritt doch eine auf, was in der Praxis vorkommt, gilt das nach der FEIF-Definition als Fehler.
Die Fußfolge ist dieselbe wie im Schritt: hinten links, vorne links, hinten rechts, vorne rechts. Der Unterschied liegt im Tempo und in den Stützphasen. Ein Schulungsvortrag für die Richter der FEIF, des internationalen Islandpferde-Verbands, beschreibt den Tölt so:
- Viertakt mit vier getrennten Hufschlägen
- laterale Fußfolge: Hinter- und Vorderbein einer Seite fußen nacheinander auf
- acht Phasen pro Bewegungszyklus
- die Stütze wechselt zwischen einem Bein und zwei Beinen
- keine Phase, in der alle vier Beine in der Luft sind
Biomechanik-Studien beschreiben den idealen Tölt so: Die Abstände zwischen den Hufschlägen sind gleich lang, jeweils ein Viertel der Schrittdauer. In einer Messung an 18 gerittenen Islandpferden dauerte ein vollständiger Tölt-Schritt typischerweise rund 0,55 Sekunden (Median). Vier Hufschläge in gut einer halben Sekunde: Das ist der gleichmäßige Viertakt, den du auf hartem Boden hörst.
Warum sitzt man im Tölt so ruhig?
Du sitzt im Tölt ruhig, weil der Körperschwerpunkt des Pferdes kaum auf und ab schwingt. Eine Übersichtsarbeit zur Biomechanik nennt für töltende Isländer eine senkrechte Bewegung von etwa 70 Millimetern an der Schulter und 66 an der Hüfte, am Schwerpunkt aber nur von etwa 12 Millimetern.
Der Grund: Vorhand und Hinterhand bewegen sich zeitversetzt. Wenn die Schulter tief ist, ist das Becken nicht gleichzeitig tief, und die Bewegungen gleichen sich im Rumpf weitgehend aus. Eine Studie mit Bewegungssensoren fand das Becken im Tölt um etwa ein Viertel des Bewegungszyklus gegenüber Kopf und Widerrist versetzt.
Dazu kommt die fehlende Schwebephase. Im Trab springt das Pferd von einem diagonalen Beinpaar zum anderen und landet danach wieder. Im Tölt fehlt dieser Moment, in dem du kurz aus dem Sattel gehoben wirst.
Wie unterscheiden sich Tölt, Trab und Pass?
Tölt, Trab und Pass unterscheiden sich darin, wie viel Zeit zwischen dem Auffußen von Hinter- und Vorderbein derselben Seite vergeht. Fachleute nennen das den lateralen Vorgriff und geben ihn als Anteil der Schrittdauer an. Nach der FEIF-Richterschulung und Biomechanik-Studien ergibt sich diese Einordnung:
- Pass: 0 Prozent. Die Beine einer Seite fußen gleichzeitig auf. Pass ist ein lateraler Zweitakt mit Schwebephase, beim Beschleunigen aber oft noch viertaktig.
- Passtölt: unter 19 Prozent. Die Beine einer Seite rücken zeitlich zusammen.
- Tölt: im Ideal 25 Prozent, also gleichmäßiger Viertakt. Diesen Idealwert nennen Biomechanik-Studien, die FEIF-Schulung setzt die Grenzen bei 19 und 31 Prozent.
- Trabtölt: über 31 Prozent. Die diagonalen Beine rücken zusammen.
- Trab: 50 Prozent. Diagonaler Zweitakt.
Passtölt und Trabtölt sind also kein eigener Gang, sondern ein Tölt, dessen Takt in Richtung Pass oder Trab verschoben ist. Viele Reiterinnen beschreiben einen passigen Tölt als seitliches Schaukeln und einen trabigen als leichtes Stoßen. Das ist ein Erfahrungswert, kein Messwert, aber ein guter Hinweis für dein Gefühl im Sattel.
Warum können Islandpferde tölten?
Islandpferde tölten so leicht, weil die große Mehrheit von ihnen eine bestimmte Variante des Gens DMRT3 trägt. Sie erleichtert den Tölt deutlich und ist für Pass meist Voraussetzung. Forschende der Universität Uppsala fanden 2012 heraus, dass ein einzelner Basenaustausch in diesem Gen den Unterschied zwischen Islandpferden mit und ohne Pass weitgehend erklärt. Die Variante hemmt vermutlich den Wechsel vom Trab in den Galopp.

Eine Studie aus Island von 2014 hat die Folgen genauer untersucht. Zwei Kopien der Variante (Genotyp AA) hingen mit der Fähigkeit zum Pass zusammen, und diese Pferde bekamen bei Zuchtschauen bessere Noten im Tölt, etwa für Takt, Tempovermögen und Geschmeidigkeit. Pferde mit einer Kopie (CA) schnitten in Schritt, Trab und Galopp besser ab. Geschätzt 94 von 100 Genkopien in der Islandpferde-Population waren 2012 die Variante (Allelfrequenz 0,94).
Die Gene sind aber nur ein Teil. Eine Übersichtsarbeit von 2023 fasst zusammen:
- 94 Prozent der Fünfgänger, die Tölt und Rennpass zeigen, tragen zwei Kopien der Variante.
- 88 Prozent der Viergänger, die tölten, aber keinen Pass zeigen, tragen mindestens eine Kopie.
- Nur 4 bis 6 Prozent der Pferde mit einer Kopie zeigen Pass.
- Von den Pferden mit zwei Kopien zeigen nur 70 bis 94 Prozent Pass.
Die Autorin sieht Aufzucht und Ausbildung als mögliche Erklärung für diese Lücke, schließt weitere Gene aber nicht aus. Und rund 12 Prozent der töltenden Viergänger tragen die Variante gar nicht. Für dich heißt das: Das Gen erleichtert den Tölt, wie dein Pferd ihn zeigt, prägen Ausbildung, Körper und Tagesform mit.
Woran erkennst du einen guten Tölt?
Ein guter Tölt ist taktklar, ausbalanciert und locker. Für den Alltag zählt zuerst: Takt und Losgelassenheit, dann alles andere. Auch die FEIF stellt in ihren aktuellen Richtlinien die Harmonie zwischen Pferd und Reiter an erste Stelle, mit Wohl und Sicherheit des Pferdes vorn.
In Zucht und Sport beschreibt die FEIF guten Tölt zusätzlich mit klarem Takt, guter Balance, harmonischer, leichter und geschmeidiger Bewegung mit langen Schritten, hoher Vorderbeinaktion und großem Tempobereich (zitiert in Gunnarsson et al. 2017). Aus der Praxis helfen diese Zeichen:
- Du hörst vier gleichmäßige Hufschläge.
- Dein Pferd hält das Tempo, ohne dass du ständig treibst oder bremst.
- Der Hals wirkt getragen, nicht festgehalten.
- Dein Pferd schnaubt ab und bleibt nach der Tölt-Strecke ruhig.
Tölt geht in vielen Tempi, vom langsamen bis zum starken Tölt. Zur Einordnung, nicht als Vorgabe: In einer Studie in Island wärmten die Pferde im langsamen Tölt mit etwa 6,5 bis 11 km/h auf, die Messstrecke lief mit etwa 19 km/h. Erfahrungsgemäß ist ein langsamer, taktklarer Tölt dabei nicht leichter, sondern oft die anspruchsvollere Aufgabe.
Wie förderst du den Tölt, ohne deinem Pferd zu schaden?
Du förderst den Tölt am besten über Losgelassenheit, einen mitgehenden Sitz und kurze Tölt-Strecken in einem Tempo, in dem dein Pferd den Takt halten kann. Kraft, Zusatzgewichte und lange Strecken bringen kurzfristig vielleicht mehr Tölt, aber kein zufriedeneres Pferd. Diese Schritte ersetzen keinen Unterricht, sie geben dir eine Richtung.
- Körper prüfen: Sattel, Zäumung, Hufe und Zähne sollten passen. Wird der Tölt plötzlich unsauber, lass Schmerzen tierärztlich abklären. Fachleute vermuten, dass Pferde eine Lahmheit im Tölt schlechter verbergen können als im Trab. Auch ein dauerhaft passiger oder trabiger Tölt kann ein Fall für Tierärztin oder Pferdephysiotherapeutin sein.
- Aufwärmen: Beginne mit Schritt am langen Zügel, gern auch mit Trab. In der genannten Studie aus Island gingen die Pferde vor der Messung fünf Minuten Schritt und fünf Minuten langsamen Tölt auf Zirkeln verschiedener Größe, auf beiden Händen.
- Aus dem Schritt entwickeln: Lass den Tölt aus einem fleißigen Schritt entstehen, im langsamen bis mittleren Tempo. Erfahrungsgemäß reichen anfangs wenige Minuten, danach wieder Schritt.
- Mitsitzen: Die FEIF-Richterschulung hält fest, dass Reiter den Bewegungsrhythmus des Pferdes oft stören, wenn sie nicht im selben Rhythmus sitzen. Sitz ausbalanciert, ohne dich am Zügel festzuhalten.
- Wirkt der Tölt passig: lösen statt halten. Laut FEIF-Schulung kann ein fester Rücken den Tölt passig aussehen lassen, auch wenn der Takt selbst stimmt. Nach der Erfahrung vieler Reiterinnen macht mehr Hand den Rücken meist nicht lockerer, Schritt, Trab und Biegung helfen oft mehr.
- Abwechseln: Schritt, Trab, Galopp und Gelände gehören zum Training eines Tölters. Im Tölt bekamen die Vorderbeine in einer Schweizer Laufband-Studie höhere Spitzenkräfte ab als im Trab bei gleichem Tempo.

Was du lieber lässt
- Den Kopf hochnehmen, um Tölt zu erzwingen. Auf dem Laufband verlagerte die höhere Kopf-Hals-Haltung im Tölt kein Gewicht auf die Hinterbeine. Aufrichtung allein ist also keine Versammlung.
- Zusatzgewichte an Hufen und Beinen. Hufbeschlag und Schutzmaterial wie Gamaschen sind in den Regeln der FEIF eigens geregelt, darauf verweist auch das Regelwerk des IPZV (Ziffer 5.1). Im Alltag braucht dein Pferd solche Hilfen für seinen Tölt nicht.
- Lange Strecken im hohen Tempo, vor allem mit einem jungen oder untrainierten Pferd.
Wenn der Tölt nicht klappt oder du unsicher bist, was du fühlst, hol dir eine Trainerin mit Islandpferde-Erfahrung dazu. Der IPZV bildet eigene Trainer aus, unter anderem mit den Lizenzstufen Trainer C und B. Ein Blick von unten sieht oft in wenigen Minuten, was du im Sattel nicht spürst.
Welche Rolle spielt das Reitergewicht im Tölt?
In einer Studie mit acht erfahrenen, gut ausgebildeten Schulpferden und einem Profireiter wurden die Tölt-Schritte mit mehr Gewicht etwas kürzer, der Takt blieb gleich. Die Studie der Hochschule Hólar in Island ließ die Pferde mit 20 bis 35 Prozent ihres Körpergewichts reiten, Sattel eingerechnet. Diese Spanne nennen die Autoren für Islandpferde als üblich.
Mit steigendem Gewicht wurden die Schritte kürzer und häufiger, die Phasen auf zwei Beinen länger und die auf einem Bein kürzer. Takt, Symmetrie und Vorderbeinaktion veränderten sich nicht. Die Autoren erwarten trotzdem, dass der Tölt bei mehr Gewicht nach dem Zuchtziel schlechter beurteilt würde.
Zur Einordnung: Die Pferde wogen im Mittel 366 Kilogramm. 20 Prozent entsprechen damit rund 73 Kilogramm für Reiterin und Sattel, 35 Prozent rund 128 Kilogramm. Jede Gewichtsstufe umfasste nur 642 Meter bei etwa 19 km/h, die Pferde waren 15 bis 19 Jahre alt und seit Jahren gut im Tölt ausgebildet. Die Autoren betonen, dass das nur für diese kurze Strecke und dieses Tempo gilt, nicht für längere Ritte, andere Tempi oder die Gesundheit auf Dauer. Ob die kürzeren Schritte das Wohl des Pferdes berühren, halten sie für offen. Eine feste Obergrenze leitet die Studie nicht ab.
Nach einer Tölt-Runde im Herbst oder Winter ist das dichte Winterfell oft nass bis auf die Haut. Wie du dein Pferd danach trocken bekommst, bevor es zurück in den Offenstall geht, steht in unserem Beitrag zum Trocknen nach dem Reiten.
Häufige Fragen
Können auch andere Pferderassen tölten?
Ja. Verwandte Gangarten gibt es bei vielen Gangpferderassen, etwa den Rack (unter anderem beim American Saddlebred), den Paso-Fino-Gang, die Marcha des Mangalarga Marchador und den Running Walk des Tennessee Walking Horse. Am besten untersucht ist der Tölt des Islandpferds.
Kann ein Viergänger noch Pass lernen?
Das hängt vom Genotyp ab. Hat dein Pferd eine Kopie der DMRT3-Variante (CA), zeigen nach einer Übersichtsarbeit von 2023 nur 4 bis 6 Prozent Pass. Knapp ein Drittel der Viergänger trägt aber zwei Kopien, und bei ihnen kann die Ausbildung eine Rolle spielen. Klarheit gibt ein Gentest.
Ist Tölt für das Pferd anstrengender als Trab?
Bei mittleren Tempi gibt es Hinweise darauf. In einer Schweizer Laufband-Studie mit zwölf Islandpferden bei etwa 12 und 14 km/h war der Tölt nach einer nachträglichen Energieabschätzung der Autoren weniger vorteilhaft als der Trab. Ganz geklärt ist die Frage damit nicht. Das ist ein weiterer Grund, Tölt-Strecken kurz zu halten und den Trab nicht aus dem Training zu streichen.
Tölt mein Pferd im Gelände anders als auf der Bahn?
Oft ja. Untergrund, Steigung, Tempo und die Stimmung in der Gruppe verändern, wie leicht ein Pferd in den Takt findet. Beobachte, wo dein Pferd von sich aus gleichmäßig tölt, und nutze diese Stellen für kurze Tölt-Strecken. Das ist ein Erfahrungswert aus dem Stallalltag, keine Messung.
Quellen
- LAP and LAL (...and a little bit more), Sport Judges Seminar 2021 — FEIF – International Federation of Icelandic Horse Associations
- FEIF Sport Judges Guidelines 2026 online — FEIF – International Federation of Icelandic Horse Associations
- The effect of rider weight and additional weight in Icelandic horses in tölt: part II. Stride parameters responses (Gunnarsson, Stefánsdóttir, Jansson, Roepstorff, Animal 2017) — Cambridge University Press / Hólar University College
- Timing of Vertical Head, Withers and Pelvis Movements Relative to the Footfalls in Different Equine Gaits and Breeds (Rhodin et al., Animals 2022) — Animals (MDPI), via PubMed Central
- A Review of Biomechanical Gait Classification with Reference to Collected Trot, Passage and Piaffe in Dressage Horses (Clayton, Hobbs, Animals 2019) — Animals (MDPI), via PubMed Central
- The Characteristics, Distribution, Function, and Origin of Alternative Lateral Horse Gaits (Vincelette, Animals 2023) — Animals (MDPI), via PubMed Central
- A single gene has a major impact on gaits in horses and in mice — Uppsala University
- The effect of the ‘Gait keeper’ mutation in the DMRT3 gene on gaiting ability in Icelandic horses (2014) — Matís
- Comparison of limb loading and movement of Icelandic horses while tölting and trotting at equal speeds (Waldern et al., American Journal of Veterinary Research 2015) — FAO AGRIS
- API Abzeichen-Regelwerk, Allgemeine Bestimmungen (gültig ab 1. Januar 2025) — Islandpferde-Reiter- und Züchterverband (IPZV) e. V.